Erdbeben erschüttern Merkur und verschieben seine Oberfläche

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Washington – Bislang gingen Wissenschaftler davon aus, dass der innerste Planet unseres Sonnensystems ein toter, sich nicht verändernder Gesteinsklotz sei. Die Mariner-10-Mission in den 70er Jahren hatte zwar Verwerfungen und tektonische Spuren auf Merkurs Oberfläche entdeckt, die durch den Schrumpungsvorgang des Planeten entstanden sind. Allerdings wurden jegliche tektonische Vorgänge als abgeschlossen angesehen. Eine neue Studie des Smithsonian Institut unter Leitung von Thomas Watters zeigt jetzt aber, dass es unerwarteterweise gegenteilige, neue Erkenntnisse gibt.

Merkur zeigt Spuren tektonischen Ursprungs auf seiner Oberfläche. Dies ist schon seit der Mariner-10-Mission in den 70er Jahren bekannt. Sie entstanden allerdings nicht durch plattentektonische Vorgänge wie hier auf der Erde. Seit mehreren Milliarden Jahren kühlt Merkurs Inneres ab und schrumpft dadurch. Das ist vergleichbar mit einem Luftballon, der Luft verliert. Die Luft (oder hier die Wärme) entweicht und die Oberfläche schrumpelt in sich zusammen. Verwerfungen entstehen, die durchaus mehrere hundert Kilometer lang werden können. Diesen Abkühlungsprozess hielten die Wissenschaftler bislang aber für längst abgeschlossen.

Die letzten Fotos der NASA-Sonde Messenger (MErcury Surface, Space ENvironment, GEochemistry and Ranging), die Merkur zwischen 2011 und 2015 umkreiste, zeigen allerdings Oberflächenstrukturen, die nicht ins bisherige Bild passen. Kurz vor dem Absturz von Messenger kam die Sonde der Merkuroberfläche bedeutend näher und so konnte sie sehr viel detailreichere Fotos zur Erde schicken. Diese Bilder, die die Grundlage der neusten Studie bilden, zeigen sehr viel jüngere und kleinere Verwerfungen. Sie sind nur einige Kilometer lang und höchstens 10 Kilometer tief.

Ebenfalls auffällig: Viele dieser kleineren Verwerfungen überlagerten Einschlagskrater auf der Merkuroberfläche. Die Linien selbst waren aber kaum durch Erosion oder Einschläge verändert. Sie entstanden also nach den Kratereinschlägen und müssen demnach noch relativ jung sein. Die Forscher gehen von einem Alter von ungefähr 50 Millionen Jahren aus. Geologisch war das gerade gestern.

Bilder 1-4: Junge, tektonischen Spuren auf der Merkuroberfläche (Quelle: Smithonian Institute)

Außerdem gibt es auch auf der Nordhalbkugel Hinweise darauf, dass Störungen, die schon lange als inaktiv galten, vor kurzem reaktiviert wurden. Laut dem leitenden Wissenschaftler der Studie, Thomas Watters, lassen all diese Indizien nur eine Schlussfolgerung zu: Merkur ist immer noch geologisch und tektonisch aktiv. Er verliert also immer noch Wärme und schrumpft. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen.

Höchstwahrscheinlich kommt es durch die tektonischen Bewegungen im Inneren des Planeten auch zu Merkurbeben, die man durch Seismometer nachweisen könnte. Eines steht fest: Ein Planet kann geologischen Prozessen und Verformungen unterworfen sein, die oberflächlich denen der Erde ähnlich sind, sich jedoch im Ursprung stark unterscheiden.

🔸Veröffentlichung🔸

Recent tectonic activity on Mercury revealed by small thrust fault scarps. Thomas R. Watters, Katie Daud, Maria E. Banks, Michelle M. Selvans, Clark R. Chapman & Carolyn M. Ernst. Nature Geoscience 9, 743–747 (2016) DOI:10.1038/ngeo2814

🔸Homepage des Smithonian🔸

http://newsdesk.si.edu/releases/mercury-joins-earth-tectonically-active-planet

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Pia Gaupels

Pia Gaupels, 30, Bibliotheksinformationsstudium an der TH Köln von 2007-2010. Studiert seit 2014 an der Universität Münster Geowissenschaften. Der Schwerpunkt liegt auf Planetare Geologie und Geoinformationswissenschaften. Sie hat die Facebook-Seite GeoHorizon gegründet. Zudem hat sie ausgeprägte Fähigkeiten in der Bild- und Videobearbeitung.