Konvergente Evolution zwischen Spinosauriden und Hechtcongern

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Dinosaurier aus der Familie Spinosauridae werden aufgrund ihrer Lebensweise und Schädelmerkmale gerne mit Krokodilen verglichen. Jetzt zeigen Romain Vullo und Kollegen, dass die Schädel von Spinosauriden eine besonders große Ähnlichkeit mit den Schädeln von Hechtcongern besitzen.

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Was sich im Lauf der Evolution einmal bewährt hat, tritt auch eventuell weitere Male auf. Das Phänomen, dass verschiedene Organismen unabhängig voneinander ähnliche Formen oder Verhaltensweisen entwickeln, bezeichnet man als konvergente Evolution. Beispiele dafür sind z.B. die Evolution von Schwanzflossen und ähnlichem bei aquatischen Wirbeltieren (Fische, Wale, Ichthyosaurier, Meereskrokodile etc.) oder zu Grabschaufeln umgebildete Vordergliedmaßen (Maulwürfe, Maulwurfsgrillen). Ein weiteres Beispiel für konvergente Evolution könnte sich nun bei Dinosauriern aus der Familie Spinosauridae finden lassen.

Spinosauriden waren große fleischfressende Dinosaurier (Theropoden), die erstmals im Oberjura auftraten und mit weltweiten Funden, außer von Nordamerika und Antarktika, vor allem während der Kreide ziemlich erfolgreich waren. Ein auffälliger Unterschied zu den anderen Theropoden war ihre verlängerte Schnauze und ihr Speiseplan, der wohl vorwiegend aus Fischen bestand. Auch wenn sie andere Tiere wie Pterosaurier oder kleinere Dinosaurier durchaus nicht verschmäht haben. Gleichzeitig gehörten sie mit Gattungen wie Spinosaurus oder Oxalaia zu den größten bekannten Landraubtieren der Erdgeschichte. Wissenschaftler sahen in den Spinosauriden mit ihrer langen Schnauze und den konischen Zähnen schon früh eine konvergente Evolution zu den Krokodilen. Und nicht nur das: Isotopen-Analysen und morphologische Merkmale belegen, dass Spinosauriden durchaus semi-aquatisch waren, sich also oft im Wasser aufhielten. Doch ein Team um Romain Vullo aus Frankreich und der Schweiz vergleicht die Spinosauriden nun erstmalig mit einer anderen Tiergruppe: den Hechtcongern.

Vergleich der Schädel von Hechtcongern (A, mitte, rechts) und Spinosauriden (B, mitte, rechts). Ihre jeweils nächsten Verwandten hatten noch weniger spezialisierte Schädel. aus Vullo et al. (2016) unter CC-BY-SA 4.0
Vergleich der Schädel von Hechtcongern (A, mitte, rechts) und Spinosauriden (B, mitte, rechts).
Die Schädel ihrer jeweils nächsten Verwandten (links) sind weniger spezialisiert. aus Vullo et al. (2016) unter CC-BY-SA 4.0

Hechtconger (Muraenesocidae, aus der Ordnung der Aalartigen) sind tropische Meeres- und Brackwasserbewohner, einige Arten können bis zu 2,5 m lang werden, sodass angespülte Kadaver dieser sonderbaren Fische gerne mal für einen kleinen Medienrummel sorgen. Die als aggressiv geltenden Hechtconger bewohnen lockere Meeresgründe und ernähren sich von Krebstieren oder anderen bodenbewohnenden Fischen. Tatsächlich aber gehören diese Raubfische eher zu den weniger gut untersuchten Meeresbewohnern.

Was haben die riesigen Spinosauriden der Kreide nun mit diesen räuberischen Aalen gemeinsam? Vullo und Kollegen nennen verschiedene Schädelmerkmale, die bei beiden Gruppen äußerst ähnlich sind. So haben sowohl Hechtconger als auch Spinosauriden eine deutlich verlängerte, relativ dünne Schnauze. Die Enden von Unter- und Oberkiefer sind gerundet und weißen eine heterodonte (=verschiedenartige) Bezahnung auf. Hinter der Prämaxillare (der Knochen, der den vordersten Teil des Oberkiefers bildet) findet sich im Oberkiefer eine deutliche Einkerbung mit verkleinerten Zähnen. Die Zähne im hinteren Maul zeigen im Vergleich von Ober- und Unterkiefer eine deutliche Heterodontie, die Zähne im Bereich der Schnauzenspitze sind vergrößert.

Wir sehen hier also wohl tatsächlich einen Fall von konvergenter Evolution. Aber dennoch gibt es zwischen einem bodenbewohnenden Raubfisch und einem riesigen semiaquatischen Raubsaurier doch noch ein paar Unterschiede. Im Fall von langschnäuzigen Aalen wie Hechtcongern wird vermutet, dass neben der erhöhten Beißgeschwindigkeit und Fähigkeit zum Festhalten der Beute, auch ein verbesserter Geruchssinn einhergeht. Tiere wie die Hechtconger, die entweder nachtachtiv sind oder in einem sonstwie dunklen Lebensraum vorkommen, sind auf einen besseren Geruchssinn natürlich angewiesen.

Bei den Spinosauriden saßen die Atemöffnungen weiter hinten am Schädel, sodass sie theoretisch ihre Schnauzenspitze unter Wasser halten und dabei weiterhin atmen konnten. Das bedeutet aber auch, dass ihnen ein verbesserter Geruchssinn nicht allzuviel gebracht hätte. Allerdings verfügten Spinosauriden sehr wahrscheinlich, ähnlich den Krokodilen und Pliosauriern, über bewegungsempfindliche Sinneszellen an der Schnauzenspitze. Die Spinosauriden wären laut Vollo et al. also auch in der Lage gewesen, nachts oder im trüben Wasser zu jagen. Nicht unähnlich zu den heutigen Hechtkongern.

Näheres hier: Romain Vullo, Ronan Allain, and Lionel Cavin (2016), Convergent evolution of jaws between spinosaurid dinosaurs and pike conger eels, Acta Palaeontologia Polonica www.app.pan.pl/article/item/app002842016.html
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Pascal Abel, 23, studiert Geowissenschaften im Master am GeoZentrum Nordbayern mit den Vertiefungen Paläobiologie und Sedimentologie. Interessenschwerpunkte sind Wirbeltiere, Paläoökologie und Paläoumwelt. Bloggt auch nebenbei noch auf www.erdgeschichten.wordpress.com